Konzert zum Reformationssonntag

_DSC4265 (Foto: Christoph Kaminski)
So. 01.11.2020, 17.00 bis 18.00 Uhr
Reformierte Kirche Uster, Zentralstrasse, 8610 Uster
Das Konzert findet mit sämtlichen aktuellen Auflagen statt, inklusive der Besucherbegrenzung auf fünfzig Personen.

Orgelrezital

Peter Freitag, Orgel

Alfred Zimmerlin:
Orgelbuch (2013)
1. Gruss
2. Choralfantasie I «All Morgen ist ganz frisch und neu»
3. Reflex
4. Ruf
5. Choralfantasie II «O Heil'ger Geist, kehr bei uns ein»
6. Freude
«Du lehrst mich kennen / den Pfad des Lebens, / Sättigung mit Freuden / ist vor
deinem Antlitz, / Mildheit in deiner Rechten / immerdar.»
Psalm 16, 11 (Verdeutscht von Martin Buber)
7. Braus
«Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser».
«Er blies in seine Nasenlöcher Hauch des Lebens, und der Mensch wurde zum
lebenden Wesen.»
1. Mose, 2, 7 (Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig)
9. Abschied (Choralfantasie III «Bevor die Sonne sinkt»)

Der Ustermer Komponist Alfred Zimmerlin schrieb:
Der neunteilige, im Jahr 2013 komponierte Zyklus «Orgelbuch» setzt sich mit der Tradition des sogenannten «strengen Satzes» und des reinen, strukturierten Klangs in der geistlichen Musik vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart auseinander. Das Interessante an der Geschichte der geistlichen Musik ist, dass die Komponisten sich vor der Aufklärung kaum um die Vermittlung von Textinhalten kümmern mussten, da diese klar und nicht musikalisch erklärungsbedürftig waren. Die Klänge und Strukturen ihrer Musik waren gerade deshalb stark und experimentell: Die Komponisten wollten der Kirche das Mutigste und Beste geben, was sie zu geben hatten. Ihre Musik bewegte die Hörenden im Geist und im Körper, doch stand sie für sich, denn sie hatte (noch) nicht die Aufgabe eines Transportmittels von Inhalt zu erfüllen, wie das später – vor allem im 19. Jahrhundert – der Fall war.

Gerade die Auseinandersetzung mit der experimentierfreudigen Haltung der Komponisten vom Spätmittelalter bis zum Barock empfand ich während der Arbeit am «Orgelbuch» als äusserst erfrischend und belebend für mein eigenes musikalisches Denken, und ich bedanke mich dafür postum unter anderem bei Guillaume de Machaut, Guillaume Dufay, Josquin Desprez, Girolamo Frescobaldi und Dietrich Buxtehude. Es gibt in den drei Choralfantasien des «Orgelbuchs» zwar durchaus Momente, wo aus dem Choraltext-Inhalt eine musikalische Idee gewonnen wurde (siehe unten). Diese Idee indes wurde in eine rein musikalische Struktur übergeführt. Alle neun Stücke des «Orgelbuchs» sind ganz vom Gedanken her komponiert, die Zuhörenden zu einem innerlich offenen Hören einzuladen, sie auf eine durchaus emotionale Reise des beziehungsreichen Hörens von Klang mitzunehmen. Und auf dieser Reise auch den «Geist» zu erleben, den Atem, Hauch, Braus, der im reinen Hören Gegenwart wird – und der im Christentum der «Heilige Geist» genannt wird. Das «Orgelbuch» ist gleichzeitig eine Art abstrakter Orgelsinfonie und eine Art Pfingstgottesdienst in reinen Klängen. Es ist dem Organisten der Uraufführung, Peter Freitag, gewidmet.

Zu den einzelnen Sätzen:

1. Gruss
Ein dreistimmiger Proportionskanon im Abstand der grossen Terz. Singen, Dasein in Klängen – und ein Begrüssungsruf.

2. Choralfantasie I «All Morgen ist ganz frisch und neu»
All Morgen ist ganz frisch und neu / des Herren Gnad und grosse Treu; / sie hat kein End den langen Tag, / drauf jeder sich verlassen mag.
Drum steht der Himmel Lichter voll, / dass man zum Leben sehen soll, / und es mög schön geordnet sein / zu Ehren Gott, dem Schöpfer dein.
So hat der Leib der Augen Licht, / dass er dadurch viel Guts ausricht / und seh auf Gott zu aller Frist / und merk, wie er so gnädig ist.
O Gott, du schöner Morgenstern, / gib uns, was wir von dir begehrn: / Zünd deine Lichter in uns an, / lass uns an Gnad kein' Mangel han.
RG 557, 1-4

Die Choralmelodie der ersten Strophe entsteht am Anfang in einem gut viereinhalb Minuten dauernden Prozess durch eine fortwährende Metamorphose aus den amorphen Klangelementen des Anfangs; ein Werden. In der zweiten Strophe erklingt sie in zwei verschiedenen Geschwindigkeiten gleichzeitig und doch eng aneinander gebunden: verlangsamt im Pedal und auf den Manualen mit besonderen Farben harmonisiert, beschleunigt in der extremen Höhe, immer wieder beim Choralton des Basses neu ansetzend. Die dritte Strophe singt den Choral auf alle Lagen verteilt, die vierte einerseits mächtig brausend mit komplexer Harmonik, aber auch verinnerlicht in einfachster Einstimmigkeit.

3. Reflex
Verspiegelte Erinnerung an den gregorianischen Hymnus «Veni creator spiritus» und an den cantus firmus-Satz; ein Nachdenken in Klängen.

4. Ruf
Das liturgische Rufen hat im Gottesdienst Tradition: Kyrieleis, Gotterbarm, de profundis clamavi, Alleluja...

Ein Rufen nach innen und nach aussen, Zeichen und Signale in unterschiedlichen musikalischen Verhaltensweisen.

5. Choralfantasie II «O Heil'ger Geist, kehr bei uns ein»
O Heil'ger Geist, kehr bei uns ein / und lass uns deine Wohnung sein, / o komm, du Herzenssonne. / Du Himmelslicht, lass deinen Schein / bei uns und in uns kräftig sein / zu steter Freud und Wonne. / Sonne, Wonne, / himmlisch Leben willst du geben, wenn wir beten; / zu dir kommen wir getreten.
Steh uns stets bei mit deinem Rat / und für uns selbst auf rechtem Pfad, / die wir den Weg nicht wissen. / Gib uns Beständigkeit, dass wir / getreu dir bleiben für und für, / auch wenn wir leiden müssen. / Schaue, baue, / was zerrissen und beflissen, dich zu schauen / und auf deinen Trost zu bauen.
Du süsser Himmelstau, lass dich / in unsre Herzen kräftiglich / und schenk uns deine Liebe, / dass unser Sinn verbunden sei / den Nächsten stets mit Liebestreu / und sich darinnen übe. / Kein Neid, kein Streit / dich betrübe; Fried und Liebe wirst du geben, / Fried und Freude uns zum Leben.
RG 504, 1, 3, 5

Am Anfang stand die Entdeckung, dass zu der mir seit der Kindheit wohlvertrauten Choralmelodie «Wie schön leuchtet der Morgenstern» (RG 653) auch ein Pfingst-Text existiert, nämlich im Lied 504 des reformierten Gesangbuchs. Die Form des Stücks ist an sich einfach: Ein «Brausen» und der Choral wechseln sich ab. Nach einer längeren Einleitung erklingt die erste Strophe im Bass, aber stark verlangsamt: Der Sänger, die Sängerin stammelt, sucht nach Worten, singt gleichsam «in Zungen» wie die Jünger an Pfingsten. Die folgende Strophe führt uns nach einem Zwischenspiel musikalisch strukturell auf die Suche nach dem «rechten Pfad»: Wie in einem Labyrinth bewegt sich die Choralmelodie über die drei Manuale und das Pedal der Orgel, sie ist verborgen in einer Vielfalt von Ereignissen und doch hörbar da – das kann nur von einem sehr virtuosen Organisten bewältigt werden! Nach einem weiteren, kürzeren Zwischenspiel ist die Choralmelodie der letzten Strophe sehr deutlich hörbar, und sie wird mit neuen Harmonien beleuchtet: Jeder Choralton hat gleichsam einen elektronischen Klang-Lichtschweif hinter sich. Und der Choral wird mehr und mehr ins Innere des Menschen geführt, wo er sich verliert.

6. Freude
Gloria
Alleluja...
«Du lehrst mich kennen / den Pfad des Lebens, / Sättigung mit Freuden / ist vor deinem Antlitz, / Mildheit in deiner Rechten / immerdar.»
Psalm 16, 11 (Verdeutscht von Martin Buber)

Ein dreiteiliges, melodisch singendes Stück. Der Gesang des Instruments ist zunächst eher atemlos und drängend, dann vereinfacht, einstimmig und in sich ruhend, schliesslich lichtvoll und ruhig atmend. Doch immer gibt es auch kleine Störungen: Wie wichtig sind Störungen in der Musik; sie halten den Geist wach, öffnen neue Wahrnehmungsräume. Dann erst kommt Freude auf.

7. Braus
Gleich am Anfang der Bibelübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig, bei der Schöpfungsgeschichte, ist ein kräftiges Bild für den Heiligen Geist zu lesen: «Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser». Im Orgelstück «Braus» wird dieses Brausen Klang mit einem komplexen harmonischen Rauschen, das von Prozeduren der elektronischen Musik abgeleitet ist. Statische, kräftige, fast wie Klangskulpturen in den Raum gesetzte Klangblöcke werden schnell bewegten, leiseren Passagen gegenübergestellt: Das Brausen, stark bewegtes Wasser, eine Ton-Achse als Horizont. Ordnungen entstehen.

8. Hauch
Klang, nichts anderes, in strenger Ordnung. Ein radikaler Ausdrucksraum.

9. Abschied (Choralfantasie III «Bevor die Sonne sinkt»)
Bevor die Sonne sinkt, / will ich den Tag bedenken. / Die Zeit, sie eilt dahin, / wir halten nichts in Händen.
Bevor die Sonne sinkt, / will ich das Sorgen lassen. / Mein Gott, bei dir bin ich / zu keiner Stund vergessen.
Bevor die Sonne sinkt, / will ich dir herzlich danken. / Die Zeit, die du mir lässt, / will ich dir Lieder singen.
Bevor die Sonne sinkt, / will ich dich herzlich bitten: / Nimm du den Tag zurück / in deine guten Hände.
RG 606

Eine asymmetrische Bogenform. Zu Beginn wird die aus dem 20. Jahrhundert stammende Choralmelodie vorgestellt, und sie löst einen von ihr abgeleiteten Prozess der Verdichtung und Beschleunigung aus, auf dessen Höhepunkt die erste Zeile der ersten Choralstrophe erklingt. Die vier Strophen erklingen nun hintereinander in den Zungenregistern in einem Prozess des Verlangsamens und in die Tiefe Sinkens: Es ist, wie wenn der Motor eines alten Tonbandgeräts sehr langsam gedrosselt würde. Eine kontrapunktische Gegenstimme kreuzt indes den Choral und endet in den hohen Registern.
A.Z.