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Bettina Wiesendanger

Religion zum Mitnehmen

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Stimmt das: "Viele Menschen, die hierhergekommen sind, haben etwas mitgebracht, was sie erdet: ihre Religion. Religion ist etwas, was man einfach mitnehmen kann"...


Editorial (reformiert.lokal Nr. 15_2018) | Im Kontext der Migrations- und Identitätsdebatte macht ein Schauspieler die folgende Aussage: «Viele Menschen, die hierhergekommen sind, haben etwas mitgebracht, was sie erdet: ihre Religion. Religion ist etwas, was man einfach mitnehmen kann. Es ist das eigene Verhältnis zur Schöpfung, zu sich selbst, zu Gott, Rituale des Gebets, des Gottesdienstes. Sie sind metaphysisch oft viel geerdeter als wir, ich empfinde das sehr deutlich.»(*)

Sie – wir. Sie haben etwas mitgebracht. Deshalb sind sie geerdet. Wir hier sind weniger geerdet.
Persönlich zähle ich mich nun aber zu denen, die das Erdende auch haben: meine Religion. Ich gehöre also nicht zu «ihnen», denn ich bin schon da. Doch ich gehöre auch nicht zum «wir», denn ich habe dasselbe, was mich erdet wie «sie».
An einer öffentlichen Diskussion zum Thema Migration wirkt sich das so aus: Kulturschaffende, kritisch routinierte Selberdenker, Engagierte im Asylbereich, mutmasslich einige ehemalige Reformierte. Vier oder fünf junge Afghanen.
Es geht um das Leben, hier, bei uns in der Schweiz, in der Ostschweiz. Das Leben, wie es sich jungen Afghanen präsentiert. Das Leben, in das sie sich einfinden. Das Leben, in dessen Einfindung sie von der Mehrheit im Saal unterstützt werden. Ich repräsentiere die Kirche, die reformierte Kirche. Diejenige Kirche, die sich bezüglich ihrer Mitgliederzahl auf dem Rückzug befindet und viele Ratschläge bekommt, wie sie sich dazu verhalten soll: weniger Worte, mehr Diakonie, zum Beispiel.
Wie das Leben so spielt: Man kommt auf die Religionen zu sprechen, am Rand, eine Exotik unter anderer Exotik. Ein muslimischer Afghane deutet an, dass es ihm hier bei uns schwerfällt, noch ans Paradies im Jenseits zu glauben. Ich entgegne ihm: «Das enttäuscht mich jetzt aber. Wenigstens von Ihnen hätte ich in diesem Punkt ein wenig Solidarität erwartet.» Gelächter im Saal. Er lächelt auch. Keine Ahnung, ob er so etwas wie eine evangelisch-reformierte Gemeinde kennt. Eine Landeskirchenpfarrerin. Und doch fühle ich mich ihm in diesem Augenblick verbunden. Er und ich, die ein bisschen Jenseitigen.
Falls Religion wirklich etwas ist, das man einfach mitnehmen kann, so muss man es schützen, einpacken; nur schon an einer Migrationsdebatte. Denn wir haben diesen Schatz in irdenen Gefässen, damit die Überfülle der Kraft Gott gehört und nicht von uns stammt (2. Korinther 4,7).

(*) Der Schauspieler E. Selge im Spiegel-Gespräch, «Ein Schlag ins Gesicht eines jeden
linksliberalen Bürgers», Der Spiegel Nr.23.

Bild@wikimedia.org

Bettina Wiesendanger, Pfarrerin